Kapitel 1

Ymirsbra - die Menschen nannten sie Erde


Herr, mein König, wie es scheint, hat ein Trojaner bei einigen Systemen das Kollektivbewusstsein außer Kraft gesetzt ...“, Garm, der Bucklige, bricht zitternd vor dem Thron zusammen und presst die schweißnasse Stirn gegen den Steinboden. Sein Magen rebelliert heftig gegen diese gekrümmte Haltung, und für einen bangen Augenblick befürchtet er, sich übergeben zu müssen. Verdammt, ich hätte nicht soviel von dem Maulwurfsragout essen sollen, schießt es ihm durch den Kopf. Der Geschmack der Erdhöhlenpimpanelle ätzt ihm immer noch Löcher in die Zunge.


Das taftige Rascheln von Stoff verrät ihm, dass der König sich von seinem Thron erhebt. Bei jedem der näherkommenden Schritte zuckt der Bucklige zusammen. Die blankpolierten Schuhspitzen, die bereits an mehreren Stellen seines Körpers ihren Abdruck hinterlassen haben, schieben sich in sein Gesichtsfeld.

Und, wie erklärst du dir das?“,

die Stimme des Königs klingt sanft, ungewöhnlich sanft. Jetzt nur keinen Fehler machen, schießt es dem Buckligen durch den Kopf. Ihn nur nicht reizen. Das Bild seines kürzlich gehängten Vorgängers drängt sich ihm auf, dessen einziger Fehler es gewesen war, zum falschen Zeitpunkt gelacht zu haben, und das war gleichsam auch sein letzter gewesen. Langsam hebt der Bucklige den Kopf und sucht den Blick seines eHHH<HHerrn.

Wieviel?“

Immer noch entbehrt es der Stimme an der gewohnten Schärfe. Der Bucklige ist irritiert. Er stemmt sich in die Höhe, klemmt das Monokel, das an einer goldenen Kette von seinem Hals herabbaumelt und so gut zu ihm passt, wie eine Zahnspange zu einem Kaninchen, zwischen Augenbraue und Wange fest und betrachtet ihn sich genauer. In der Tat, es besteht kein Zweifel, die hohe glatte Stirn unter dem aufgeworfenen, wie gelackt wirkenden Haarspoiler, dieser kühne Schwung der gezupften Augenbrauen darunter, keiner der Gestaltwandler der Heteria Ater vermag es, das zu imitieren ... und wer würde es auch wagen, in die Rolle des Königs zu schlüpfen? Der Tod wäre demjenigen sicher. Nein, diese ungewohnte Milde muss einen anderen Grund haben. Vielleicht hat er sie vielmehr der weiblichen Gesellschaft zu verdanken, an der sein König sich in letzter Zeit des öfteren ergötzt. Schon kursieren Heiratsgerüchte durch ganz Schwarzalfenheim.


Der Bucklige riskiert einen Blick auf die anmutig über zwei Kissen drapierte Gestalt zu Füßen des Thrones. Das staubfeine, grünlich schimmernde Haar, das wie ein Sprühregen über ihre weißen Schultern sprinkelt, erinnert ihn an Weidenrauch. Ailaia – schon der Name klingt wie eine Verheißung. Die schattigen Augen und diese zarten, ebenmäßigen Züge! Er leckt sich die aufgesprungenen Lippen. Ein Fischweib ist sie zwar und eigentlich ist er Fleischfresser. Doch noch nie zuvor war ihm ein solcher Schmauß unter die Augen gekommen.

Wieviele?“

Die Schuhspitze des Königs beginnt ungeduldig hin- und herzutappen, als könne sie es gar nicht mehr erwarten, sich in seinem knochigen Gesäß zu verewigen.

Genau 37 Seelen, Herr.“

Nenn` sie nicht Seelen!“,

ein missmutiger Ausdruck trübt für wenige Augenblicke die zur Schau gestellte Gleichmut. Der Bucklige senkt reumütig den Kopf.

Verzeihung, mein König, ich meine natürlich Datenträger.“

Er ergreift die Gelegenheit, als der König ihm den Rücken zudreht, um sein marodes Knochengerüst wieder in eine aufrechte Position zu verfrachten. Ein feuriger Pfeil des Schmerzes schießt ihm durch beide Knie, als er sie durchstreckt, und er unterdrückt ein Stöhnen. Obwohl er wesentlich jünger ist, als sein Herr, ist der körperliche Verfall bei ihm bereits weit fortgeschritten. Vor allem seine Gelenke haben ihm die hohe Anzahl seiner Wandlungen nicht verziehen. Dies ist der Fluch, den jeder der Gestaltwandler mit ihm teilt, der es geschafft hat in den Elitebund der Heteria Ater aufgenommen zu werden – ein sehr hoher Preis für die perfekte Täuschung.


An seinem König jedoch klebt kein Makel. Kraftvoll, schön und gerissen ist er immer noch, wie in den goldenen Zeiten, bevor die hohen Mauern Asgards einstürzten. Fast siebentausend Kristallnächte sind an ihm vorbeidefiliert, ohne seinem makellosen Gesicht etwas anhaben zu können. Er hatte das Schicksal der Götter geteilt und war in der letzten großen Schlacht mit ihnen in den Tod gegangen. Doch im Gegensatz zu ihnen hatte der Trank des Vergessens, der in den nebeligen Hallen der Hel ihre Kelche gefüllt hatte, ihm nicht geschadet. Er hatte nicht all seine Erinnerungen verloren, so wie der Einäugige. Und der Bucklige, der in der Gestalt eines Hundes, den Eingang zur Nebelwelt bewacht hatte, vermutet den Grund dafür in der Verwandtschaft seines Herrn zu der Fürstin der Nebelwelt. Ist sie doch eines seiner schrecklichen Kinder. Der Bucklige hält den Atem an und folgt mit den Augen dem Gang seines Königs. Geschmeidig, wie eine Katze, tiegert er auf den Thron zu. Das Klappern der Schritte, das Rascheln des mitternachtsblauen Umhanges verdrängen jedes weitere Geräusch in der Grotte – sogar das Geplätscher des unaufhörlich von den Wänden rinnenden Wassers ist zu einem Wispern herabgedämpft. Auf meine Augen ist kein Verlass, denkt der Bucklige. Gerade vermeint er einen Blitz gesehen zu haben, der dem Umhang entwich. Da, noch einer! Der Blick des Alten trübt sich, sein Monokel fällt herab. Nachdenklich umrundet der König den Thron, setzt Fuß um Fuß akurat auf die schwarzen Felder. Der Bucklige verfolgt jede seiner katzengleichen Bewegungen. Muss es, denn längst ist er unfähig, den Blick abzuwenden.

Was ist mit dem Jungen? Ist er sicher?“

Zweimal muss der König ihn ansprechen, bevor er gewahr wird, dass die Frage an ihn gerichtet ist. Sein umherschweifender hein erlegtes Wild, auf dem nackten Steinboden liegt und leise schnarcht.

Nun?“

Da jetzt die Gefahr gebannt ist, durch sein grobschlächtiges Verhalten in ihrer Achtung zu sinken, ist die gewohnte Schärfe seiner Stimme wieder da. Hastig schüttelt der Bucklige den Kopf. Dankbar ergreift er die Gelegenheit, von dem unerfreulichen Thema der Systemstörungen abzuweichen.

Der Junge, aber nein, mein König! Der ist wohlauf! Es gibt keinen besseren Ort für euren Sohn, als das Outback. Von den Verunreinigten weiß niemand, wer er in Wirklichkeit ist. Außerdem wird er ständig über ...“

Ungeduldig schneidet der König ihm das Wort ab:

Was ist mit der Malerin. Hält sie Abstand?“ „Selbstverständlich, Herr! Mein letzter Besuch scheint einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Jedenfalls hat sie noch keinen weiteren Versuch unternommen, mit ihm in Kontakt zu treten.“

Sehr gut!“

Wieder umrundet der König seinen Thron und wieder wird der Blick des Buckligen starr.

Ich werde den Zeitpunkt der Übernahme trotzdem vorverlegen. Nicht, dass ich dem widrigen Winken der Disen viel Bedeutung beimesse, das nicht! Aber, da die Zentrale nicht störungsfrei läuft, ist es zu riskant, ihn noch länger dort zu lassen.“

Was befürchtet ihr, mein König?“

Nun, wenn die Störungen anhalten, und noch weitere Systeme außer Kontrolle geraten, könnte ihnen irgendwann ein Licht aufgehen.“

Er hält für kurze Zeit inne und legt nachdenklich einen seiner langen, schlanken Finger auf die Lippen.

Sie sind zwar ihrer Körper bereinigt, aber ihre Intelligenz ist immer noch dieselbe. Ein paar kreative Köpfe könnten einen Weg finden, Korda Dorsalis zu verlassen um nachzuprüfen, ob die Informationen, die wir ihnen eingeimpft haben, auch tatsächlich stimmen und das wäre, sagen wir mal, unerfreulich.“

Ihr meint, die Informationen über die unwirtlichen Bedingungen, die draußen herrschen?“

Natürlich, die lebensfeindlichen Bedingungen und nicht zu vergessen die kosmische Strahlenbelastung! Nicht auszudenken, wenn sie die Schranke überwänden und feststellten, dass es den Querköppen trotz unserer Prognosen, doch noch vergleichsweise gut draußen geht.“

Ganz hinaus können sie nicht, mein König!“,

erinnert ihn der Bucklige,

Also müssten sie sich auf die Aussagen der Querköppe verlassen und das werden sie nicht tun. Dazu verachten sie sie zu sehr.“

Nun, dass sie ohne ihre Körper das System nicht mehr verlassen können, das wissen sie ja noch gar nicht, Garm. Es war bisher auch noch nicht nötig gewesen, sie darauf hinzuweisen. Die menschliche ist ja doch eine sehr angstbesessene Rasse ...“,

seine Mundwinkel zucken leicht. Dann verzieht sich sein Gesicht zu einem anzüglichen Grinsen.

Ein Umstand, den ich mir zu Nutze mache. Angst ist immer noch die beste Fessel, nicht wahr? Wer wüsste das besser, als du, Garm?“

Aber ... aber Herr!“,

der Bucklige errötet und wechselt rasch das Thema:

Was werden sie den Eltern sagen, wenn sie ihnen vor seinem dreizehnten Geburtstag den Jungen wegnehmen? Was wird dann aus dem Vertrag?“

Der König wischt seinen Einwand mit einer lapidaren Handbewegung beiseite, um sich sogleich über einen ganz anderen Punkt zu ereifern:

Eltern? Hast du gerade das Wort „Eltern“ in den Mund genommen? Garm! Der Junge ist meine Schöpfung - meine, ganz allein! Die unsauberen Einheiten, die du seine Eltern nennst, würde ich eher als seine Pfleger bezeichnen. Der gute Herr Adjuvans ist nicht sein Vater. Untersteh dich ...“

Zum ersten Mal wagt es der Bucklige, seinem Herrn zu widersprechen:

Aber die Mutter, Herr! Sie ist seine Mutter!“

Mutter, hin oder her! Papperlapapp! Sie hat ihn zwölf Jahre lang verhätschelt. Das muss reichen! Es wird Zeit, dass auch sie sich endlich der Generalmodifikation unterzieht. Das ganze Dorf muss weichen. Bisher habe ich ein Auge zugedrückt. Aber, es ist an der Zeit, endlich Nägel mit Köpfen zu machen!“

Nägel, Herr? Wieso Nägel?“

Der König ignoriert die Frage. Viel zu sehr nehmen ihn seine Pläne in Beschlag.

Es wird Zeit, den Jungen seiner Bestimmung zuzuführen. Einen richtigen Krieger aus ihm zu machen. Irgendwann einmal soll er schließlich meine Truppen führen. Das ist seine Bestimmung und dann ...“,

Der Bucklige vermag dem Blick seines Königs nicht mehr standzuhalten. Jetzt, da es endlich ausgesprochen ist, was er lange schon befürchtet hatte, raubt es ihm die Kraft.

Also ist es wahr? Dann werdet ihr ihn auf den Posten setzen, der eigentlich für mich bestimmt war?“,

keucht er und sackt kraftlos zurück auf die Knie. Das Lachen des Königs bricht sich an den Wänden und bringt sie zum Vibrieren.

Der Lauf der Dinge ändert sich, mein Lieber!“

Voller Befremden sieht der Bucklige ihn an. Zum ersten Mal, so scheint es ihm, erkennt er ihn wirklich.

Der kräftezehrende Kampf, die anstrengende Führung der Krieger, das ist nichts mehr für dich! Das musst du selbst einsehen. Du bist nicht mehr Fenrir, vor dem Sol, die Sonne, ehrfurchtsvoll erzitterte. Als Heerführer kann ich dich nicht gebrauchen. Dieser Platz gebührt meinem Sohn!“

Vielleicht habt ihr es vergessen? Auch ich bin euer Sohn!“, knurrt der Bucklige und fletscht das, was an Zähnen noch so übrig ist. Obwohl er schon weiß, bevor er den Mund aufmacht, dass jeglicher Widerspruch zwecklos ist.

Ihr habt mir versprochen, mich zum Heerführer zu machen! Wer sagt euch, dass der Junge sich überhaupt dazu eignet? Ich hörte, er sei ungewöhnlich klein und mickrig. Vielleicht will er gar kein Krieger werden, was dann?“

Der König bleckt die Zähne und zieht eine seiner Augenbrauen in die Höhe.

Ich habe mich gegen alle Eventualitäten abgesichert, mein Lieber! Ich sage dir jetzt etwas, was du unter allen Umständen für dich behalten musst. Betrachte es als Zeichen meines uneingeschränkten Vertrauens in deine Loyalität. Die unglücklichen Zwischenfälle in der Zentrale haben mich erst auf die Idee gebracht. Ich habe meine Fähigkeit nicht verloren, Nutzen aus einem Schaden zu ziehen!“,

mit eitlem Gebaren umrundet er aufs Neue seinen Thron.

Was tun wir, wenn wir befürchten, ein Datenträger könnte verloren gehen?“

Der Bucklige runzelt missgelaunt die Stirn. Verabscheut er Ratespiele doch fast ebenso sehr, wie er es hasst, mit Wasser in Berührung zu kommen.

Nun, wir sichern die Daten, Herr ...“,

antwortet er gedehnt.

Richtig!“,

der König wirft den Kopf zurück.

Genau das habe ich getan.“

Eine Datensicherung?“

Ein wenig ratlos kratzt der Bucklige sich hinter dem Ohr. Doch der König baut sich vor ihm auf, beugt sich zu ihm herab und piekt ihm seinen Finger in die knöchrige Brust.

Genauer gesagt, ich habe eine Kopie anfertigen lassen!“,

sagt er launig.

Eine Kopie? Von dem Jungen? Aber er ist noch intakt. Seele und Körper sind noch beisammen ...“

Der König schenkt ihm ein mitleidiges Lächeln.

Wäre er das nicht, du einfältiger Wicht, wäre das wohl auch kaum möglich! Wie gut, dass wenigstens einer in diesem Saal ab und zu seinen Kopf benutzt! Ich habe unsere Wissenschaftler bemüht. Die haben Gewebeproben des Jungen aus dem Medi-Lab in Korda Dorsalis besorgt und daraus einen Doppelgänger erschaffen.“

Ein Klon? Aber, ich verstehe nicht! Wozu das ... und wo ...“,

er spricht nicht zuende. Irgendwo auf dem Weg zwischen Gehirn und Mund bleiben seine Fragen stecken - im hoffnungslosen Wirrwarr seiner Gedanken. Wieder lacht der König.

Ich habe für ihn das beste Versteck gesucht, das es gibt. Die alte Urd schuldete mir noch einen Gefallen, weil ich ihr den Sprössling des Weltenbaumes besorgt habe. Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe ihn in der Vergangenheit platziert, an jenen Ort, der sich vor vielen tausend Jahren dort befand, wo sich jetzt Korda Dorsalis befindet. Er zieht als Kesselflicker von Tür zu Tür. Lebt von der Hand in den Mund. Er hält sich versteckt, ist immer auf der Hut, denn er hat Schlimmeres auf dem Kerbholz, als Diebstahl.“

Dem Buckligen fehlen die Worte. Er öffnet einige Male den Mund, aber nur, um ihn gleich darauf wieder zu schließen. Immer wieder schüttelt er den Kopf.

Wie du siehst, Garm, habe ich alles geregelt!“

Wozu das alles?“,

fragt der Bucklige, als er seine Sprachlosigkeit überwunden hat. „Warum zwei, warum diese unterschiedlichen Lebensweisen?“ „Ich habe eine Wette laufen, mit dem Einäugigen ...“,

sein verächtliches Schnauben verrät, was er von ihm hält.

Obwohl ich mir gar nicht sicher bin, dass er sich überhaupt daran erinnert. Vor einiger Zeit hatten wir einen Disput. Er war der Meinung, dass die noch unreife Seele eines Kindes besonderer Fürsorge bedürfe, um zu reifen und dieses ganze Blablabla. Lass uns wetten, habe ich vorgeschlagen. Doch er hat abgelehnt. Das sei grober Unfug, hat er behauptet, und dann hat er mir einen Vortrag über Moral und Ethik gehalten ...“, der König winkt ab. Ein höhnisches Grinsen vertreibt den gelangweilten Ausdruck aus seinem Gesicht:

Und dann habe ich mich vor Kurzem wieder daran erinnert. Als ich beschloss, Ymirsbra noch ein weiteres Kind von mir zu schenken, habe ich gedacht, warum nicht auf Nummer Sicher gehen? Sollte irgendetwas Unvorhergesehenes mit dem Einen geschehen, tritt der Andere eben an seine Stelle, ganz einfach! Und zum Schluss, wenn es gilt den Platz an meiner Seite einzunehmen, dann wird sich zeigen, wer von den Beiden das Zeug dazu hat.“

Ihr wollt sie gegeneinander kämpfen lassen?“,

dem Buckligen läuft ein Schauer über den Rücken, doch der König antwortet:

Es ist das Natürlichste der Welt, Garm. Ich nenne es Auslese! Nur auf diese Weise stelle ich sicher, dass ich das Beste erhalte, was es auf dem Markt gibt. Aber du, Garm, von dir gibt es keinen Klon, du bist unersetzlich für mich. Dich brauche ich hier, in der Überwachungszentrale, sieh das als deine neue Bestimmung an!“

Der König redet mit Engelszungen, bemerkt den veränderten Ausdruck in dem Gesicht seines treuesten Kriegers nicht. Brennender Hass hat die Furcht aus seinem Blick getilgt. Doch der König schwelgt in Visionen:

Mein Sohn ist der Einzige, der das verlorene Heer zurückbringen kann zu seiner alten Stärke. Du hast sie gehört, die Prophezeiung des abgeschlagenen Kopfes, Garm.“

Der Bucklige verzieht das Gesicht, als hätte er den Mund voller Essig. Zum ersten Mal spricht er aus, was er schon seit langem gedacht hat, sich bisher aber nie getraut hatte auszusprechen:

Woher wollt ihr wissen, dass er euer Heer gemeint hat? Der abgeschlagene Kopf sprach von dem schwarzbraunen Heer der Verborgenen, das eine große Wirkung hat. Woher wisst ihr, dass damit das Heer der Schwarzalfen gemeint ist?“

Der König erwidert spöttisch:

Also, das Heer der Einherier hat er gewiß nicht damit gemeint. Die Schwarzalfen waren immer die Verborgenen. Für hässlich hielten die Götter sie und rieten ihnen, Sol niemals ihr Antlitz zu zeigen. Und so verschwanden sie von der Bildfläche. Kehrten denen den Rücken, die ihr Aussehen nicht ertragen konnten. Die tiefsten Klüfte und Felshöhlen waren ihr zuhause. Und doch, was die Schmiedekunst und die Herstellung von Kleinoden betraf, konnte niemand ihnen das Wasser reichen. Die Götter wussten das. Immer dann, wenn sie die beste Waffe brauchten, das beste Schmuckstück oder das stabilste Werkzeug, dann waren sie sich nicht zu schade, ihnen gegenüberzutreten. Dann bogen sie die erhabenen Hälse, um durch enge Gänge zu ihnen zu kriechen, wie Würmer. Wer also, denkst du, verdient mehr als die Schwarzalfen den Namen „Verborgene“? Und trotz all dieser Schmach. Trotz all dieser Herabsetzung gelang es ihnen dennoch, die Mauern Asgards zum Einsturz zu bringen.“

Er beugt sich über die schlafende Wasseralfenprinzessin und streicht ihr beiläufig das Haar aus dem Gesicht. Fast könnte man meinen, er rede mit ihr, als er mit zärtlichem Tonfall sagt:

In Asgard haben sie mir die Halle verwehrt. Doch ich bin optimistisch, dass wir dieses Versäumnis ein für alle Mal aus der Welt schaffen werden. Mit dem Jungen an meiner Seite werde ich Ymirsbra im Sturm nehmen, und die Menschen werden noch nicht einmal etwas davon merken.“

Bei seinem leisen Lachen sträuben sich dem Buckligen die Nackenhaare.

Erst wenn die Götter besiegt sind, Garm, werde ich König über neun Welten sein, Gullveig wird meine Königin, und du, mein Lieber, wirst mein oberster Verwalter!“

Vielleicht wird es so kommen, vielleicht auch nicht. Aber der Junge wird niemals Heerführer werden – nicht, solange ich das verhindern kann ...“,

knurrt der Bucklige böse und bleckt die Zähne.